Was müsste eine gute Kinderyogalehrerin eigentlich über Yoga wissen?
Wer eine Kinderyoga-Ausbildung macht, lernt heute oft erstaunlich viel. Entwicklungspsychologie. Anatomie. Asanas. Atemübungen. Entspannung. Achtsamkeit. Kommunikation. Stundenaufbau. Methodik und Didaktik. Spiele, Geschichten und Fantasiereisen. Vielleicht Resilienz, Hochsensibilität, Kinderschutz oder sogar Marketing und Business. Und inzwischen können wir uns mit KI innerhalb weniger Sekunden komplette Kinderyogastunden zu nahezu jedem Thema erstellen lassen.
Doch ausgerechnet bei einem Thema wird es in vielen Kinderyoga-Ausbildungen erstaunlich schnell dünn: Yoga selbst.
Was bedeutet Yoga eigentlich? Was versteht Patanjali darunter? Was sagt Yoga über unseren Geist, unsere Gedanken und Gefühle? Welches Menschenbild steckt hinter der Yogapraxis? Warum praktizieren wir Yoga überhaupt? Und wohin möchte uns diese Praxis führen? Vor allem aber: Was bedeutet all das, wenn vor uns keine erwachsenen Yogis sitzen, sondern Kinder und Jugendliche? Genau diese Fragen könnten für die Zukunft des Kinder- und Teenyoga entscheidender sein als das nächste Stundenbild.
Kinderyoga unterrichten lernen und Yoga verstehen.
Eine Kinderyoga-Ausbildung muss unglaublich viel in begrenzter Zeit vermitteln, denn angehende Kinderyogalehrerinnen müssen lernen, wie eine Yogastunde aufgebaut wird. Sie brauchen Kenntnisse über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, über geeignete Asana, Sprache, Gruppenführung, Entspannung und viele weitere Bereiche. Und selbstverständlich brauchen sie praktische Ideen.
Das Problem beginnt nicht bei diesen Inhalten. Es beginnt dort, wo wir irgendwann sehr gut wissen, wie wir Kinderyoga unterrichten aber erstaunlich wenig darüber wissen, was wir da eigentlich unterrichten.
Vielleicht können wir zwanzig verschiedene Kinderyoga-Sonnengrüße anleiten. Vielleicht kennen wir eine wunderschöne Geschichte zu Ahimsa. Vielleicht wissen wir, wie wir den Krieger zum Krafttier machen und Kindern damit Mut und Stärke vermitteln. Aber könnten wir erklären, warum diese Haltung eigentlich „Krieger“ heißt? Könnten wir erklären, was Ahimsa innerhalb der Yoga-Philosophie tatsächlich bedeutet jenseits von „Sei nett zu anderen“? Und könnten wir einem Kind, das mitten in der Stunde fragt „Warum machen wir das eigentlich?“ eine Antwort geben, die über „Das entspannt dich“ oder „Das tut deinem Körper gut“ hinausgeht? Das sind keine Fragen nach einer weiteren Methode. Das sind Fragen nach unserem eigenen Verständnis von Yoga.
Was unterscheidet Kinderyoga eigentlich von einer guten Bewegungsstunde?
Diese Frage finde ich unbequem und gerade deshalb wichtig. Eine Kinderyogastunde kann großartig laufen. Die Kinder bewegen sich und verwandeln sich in Tiere. Sie spielen gemeinsam und lernen, ihren Atem wahrzunehmen. Am Ende liegen sie während einer Fantasiereise entspannt auf ihren Matten und möchten in der nächsten Woche unbedingt wiederkommen. Wunderbar!
Aber: Was davon macht diese Kinderyogastunde eigentlich zu Yoga?
- Bewegung gibt es auch im Kinderturnen.
- Entspannung gibt es in Entspannungskursen.
- Achtsamkeit wird inzwischen in Schulen und pädagogischen Einrichtungen vermittelt.
- Selbstbewusstsein, Gemeinschaft, Mut und emotionale Kompetenz sind wichtige Ziele unzähliger pädagogischer Angebote.
Wenn wir den besonderen Wert von Kinder- und Teenyoga erklären wollen, reicht es deshalb nicht, dieselben Wirkungen aufzuzählen wie zehn andere Freizeitangebote. Wir müssen uns mit dem beschäftigen, was Yoga selbst dazu beiträgt und genau hier beginnt Yoga-Philosophie.
Yoga-Philosophie ist mehr als Yamas und Niyamas.
Yoga Sutra im Kinderyoga: Was hat ein jahrtausendealter Text mit einer unruhigen Kindergruppe zu tun?
Patanjalis Beschreibung von Yoga wird häufig sinngemäß mit dem Zur-Ruhe-Bringen oder Stillwerden der Bewegungen des Geistes übersetzt. Das klingt zunächst ziemlich weit entfernt von einer Kinderyogastunde am Mittwochnachmittag in der fünfzehn Kinder vor uns sitzen. Eines ist unruhig. Eines möchte heute nicht mitmachen. Eines wird schnell wütend. Ein anderes kann während der Entspannung nicht stillliegen.
Dann entsteht schnell die Frage: Wie kann ich allen gerecht werden?
Unsere methodische Antwort lautet häufig: Ich brauche mehr Differenzierung, mehr Alternativen, eine andere Übung für dieses Kind und noch mehr Hilfsmittel. Yoga kann uns aber zu einer anderen Frage führen: Muss jedes Kind auf dasselbe Angebot eigentlich gleich reagieren?
Vielleicht dürfen fünfzehn Kinder in derselben Yogastunde fünfzehn unterschiedliche Erfahrungen machen und dann bedeutet unterschiedliche Bedürfnisse wahrzunehmen nicht automatisch, jedem Kind eine andere Übung anzubieten. Es kann auch bedeuten, nicht von jedem Kind dieselbe Reaktion auf dieselbe Erfahrung zu erwarten und plötzlich verändert ein philosophischer Gedanke eine ganz konkrete Unterrichtssituation.
Genau das meine ich, wenn ich von fundiertem Kinder- und Teenyoga spreche. Yoga-Philosophie schwebt nicht als Theorie über unserem Unterricht. Sie verändert, wie wir ihn betrachten.
Wer Yoga versteht, unterrichtet anders.
Welche Erfahrung möchte ich diesen Kindern ermöglichen?
KI kann Kinderyoga-Stundenbilder erstellen. Was bleibt unsere Kompetenz?
Das bedeutet nicht, dass gute Stundenbilder wertlos werden, aber es verändert die Frage, worin die eigentliche fachliche Kompetenz einer Kinderyogalehrerin liegt. Sie kann nicht darin bestehen, mehr Übungen zu kennen als eine Maschine generieren kann.
Unsere Kompetenz zeigt sich in anderen Fragen:
- Warum wähle ich diese Übung?
- Welche Erfahrung möchte ich ermöglichen?
- Was beobachte ich bei diesem Kind?
- Wann bleibe ich bei meinem Plan – und wann lasse ich ihn los?
- Welche Vorstellung von Yoga steckt hinter meinem Handeln?
Und was möchte ich Kindern oder Jugendlichen mit Yoga eigentlich über sich selbst, ihre Gedanken, ihre Gefühle, ihre Beziehungen und das Leben mitgeben?
KI macht fachliches Verständnis deshalb nicht unwichtiger. Sie macht es wichtiger.
Warum das auch etwas mit dem Preis einer Kinderyogastunde zu tun hat.
Vielleicht liegt das nicht ausschließlich daran, dass Eltern „nicht mehr bezahlen wollen“. Vielleicht können wir selbst noch nicht deutlich genug erklären, wofür sie mehr bezahlen sollten. Denn wenn wir Kinder- und Teenyoga nach außen hauptsächlich mit Bewegung, Entspannung, Konzentration und Selbstbewusstsein beschreiben, konkurrieren wir mit zahlreichen anderen Angeboten. Nicht unbedingt, weil Kinderyoga seinen Preis nicht wert wäre, sondern weil sein besonderer Wert nicht sichtbar wird. Deshalb beginnt ein angemessener Preis für mich nicht erst bei der Kalkulation. Er beginnt auch bei einer fachlichen Frage:
Was kann Yoga einem Kind oder Jugendlichen geben, das nicht genauso gut in zehn anderen Freizeitangeboten zu bekommen ist?
Brauchen Kinderyogalehrerinnen also mehr Weiterbildung?
Aber Yoga-Philosophie lernt man nicht an einem Wochenende.
Wir lesen einen Gedanken und versuchen ihn zu verstehen. Wir begegnen einer Situation in unserem Unterricht und plötzlich bekommt derselbe Gedanke eine ganz andere Bedeutung. Deshalb geht es nicht darum, irgendwann sagen zu können: „Yoga-Philosophie. Erledigt.“
Es geht darum, immer besser zu verstehen, was Yoga ist und was daraus für unsere Arbeit mit Kindern und Jugendlichen folgt.
- Ich wünsche mir eine inhaltliche Revolution im Kinder- und Teenyoga.
- Ich wünsche mir nicht weniger Kreativität.
- Ich wünsche mir mehr Fundament unter dieser Kreativität.
- Ich wünsche mir Kinderyogalehrerinnen, die nicht ständig das Gefühl haben, das nächste Spiel, die nächste Geschichte oder die nächste Fantasiereise zu brauchen, damit ihre Stunde trägt.
- Ich wünsche mir Yogastunden, die Spaß machen, Kinder begeistern und voller Kreativität sind und gleichzeitig in einem tiefen Verständnis von Yoga verwurzelt sind.
Die Zukunft des Kinder- und Teenyoga entscheidet sich nicht daran, wie kreativ unsere Yogastunden sind, sondern daran, ob wir den Mut haben, Yoga wieder in seiner Tiefe zu verstehen.
Die Zukunft des Kinder- und Teenyoga entscheidet sich nicht daran, wie kreativ unsere Yogastunden sind, sondern daran, ob wir den Mut haben, Yoga wieder in seiner Tiefe zu verstehen.



